Das Berufsbild der Akustikerin / des Akustikers (1/5)
Audiologisches Wissen, Interesse für Anatomie und Elektronik, Computerkenntnisse, psychologisches Fingerspitzengefühl, handwerkliche Fähigkeiten, unternehmerisches Denken, Erfahrung in Gesprächsführung, Flair für Werbung und Marketing, Kenntnisse in Buchhaltung und aktuelles Wissen in Versicherungsfragen: Wenige Berufe sind derart vielfältig wie der der Akustikerin, des Akustikers. Von ihrem resp. seinem Fachwissen, seiner Erfahrung, seinem handwerklichen Können und seiner Sorgfalt hängt es ab, dass Menschen mit Hörproblemen am Leben teilnehmen, ihrer Arbeit nachgehen und ihre sozialen Beziehungen pflegen können. Dabei unterhält der Akustiker zu seinen «Kundinnen» und «Kunden» langjährige Beziehungen: Er ist kein «Verkäufer», sondern arbeitet in einem Gesundheitsberuf und betreut seine Kunden über längere Zeiträume hinweg.
1. Hören in unserer Gesellschaft
Der Mensch ist grundlegend auf Beziehungen zu anderen Menschen und deshalb auch auf die Verständigung mit ihnen angewiesen. Dafür benützt er vor allem die Sprache, sowohl im privaten wie im beruflichen Bereich. Fragen und Antworten, Geschichten und auch Anweisungen gehören zum Kindsein und Aufwachsen. Mündliche Erklärungen, Anweisungen, Referate und Fachdiskussionen sind wesentliche Bestandteile des Unterrichts, einer Lehre und auch eines Studiums. Teamfähigkeit, soziale Kompetenz und in eins damit «Kommunikationsfähigkeit» sind heute Voraussetzung dafür, beruflich weiter zu kommen. Bei Treffen mit Kollegen, Freunden sind Gespräche wichtig. Um zu erfahren, wie es jemandem geht, ruft man an – und unterhält sich am Telefon: Nicht nur über die Mimik, auch über die Stimme erhalten wir Auskunft über die Gefühlslage eines anderen Menschen.
Hören zu können, ist für all dies die wichtigste Voraussetzung. Und das Gehör ist nicht nur für die verbale Kommunikation zentral: Dank des Gehörs können wir Vorgänge kontrollieren, die sich hinter unserem eigenen Rücken abspielen, denn das Gehör kann – als einziges Sinnesorgan – eine simultane 360°-Überwachung bewerkstelligen. Es wertet ständig die akustischen Informationen aus, warnt den Körper bei drohender Gefahr, zum Beispiel im Strassenverkehr. Anders als die Augen ist das Gehör zudem rund um die Uhr aktiv, selbst nachts. Ansonsten würde der Wecker am Morgen vergeblich schellen.
Wie selbstverständlich es für die meisten ist, gut zu hören, und wie wichtig ein intaktes Gehör ist, zeigt sich erst dann, wenn jemand Probleme damit hat. Wer des öfteren nachfragen muss, gilt schnell einmal als «leicht beschränkt». Nach wie vor gelten schwerhörige Menschen oft auch als geistig minder bemittelt.
Schwerhörigkeit entwickelt sich schleichend, weshalb der betroffene Mensch oft gar nicht bewusst wahrnimmt, dass er schlecht hört. Zudem werden Hörschäden oft mit «altern» in Zusammenhang gebracht. Aus all diesen Gründen können viele Menschen ihre Hörschädigung kaum akzeptieren, sie schämen sich und suchen viel zu spät einen Ohrenarzt oder Akustiker auf. Die Mühe damit, andere zu verstehen, führt aber dazu, dass sie sich – weil Hören Mühe bereitet und sie nicht als «minder bemittelt» gelten wollen – aus dem gesellschaftlichen Umfeld zurückziehen, sich abkapseln. Depressionen sind dann kaum zu vermeiden, von verheerenden Folgen im familiären wie im beruflichen Bereich gar nicht zu reden.
Der Akustiker als Öffentlichkeitsarbeiter in Sachen «Hören»
Vor diesem Hintergrund kommt der Akustikerin, dem Akustiker eine wichtige Aufgabe zu: Er kann dazu beitragen, dass die zentrale Bedeutung des Hörvermögens von der Gesellschaft erkannt und anerkannt wird. Der Akustiker ist dafür ein wichtiger Wegbereiter, nicht nur im direkten Kontakt mit Hörgeschädigten, denen er über eine Hörgeräteanpassung dazu verhilft, wieder ein nahezu «normales» Leben zu führen: Mit Vorträgen an regionalen Weiterbildungs-Veranstaltungen, mit der Teilnahme an Messen, mit Einladungen zu Tagen der offenen Tür, mit Kontaktpflege zu Pflegeheimen, Schulen und den regionalen Zeitungsredaktionen kann er das Bewusstsein für den Wert des Hörens erhöhen und Schwellenängste und Hemmungen gegenüber Hörtests und Hörgeräten abbauen. So, dass es zur Selbstverständlichkeit wird, sein Hörvermögen regelmässig prüfen zu lassen. Und so, dass Hörgeräte als Hilfsmittel ohne falsche Scham getragen werden – vielleicht nie als modisches Accessoire wie eine Brille, aber doch ebenso selbstverständlich.